film: joy (originalversion mit untertiteln)
ort: kino (studio central basel, reihe 1, platz 5)
zeit: 1. januar 2016, 20:30
preis: chf 13.-

bevor ich den trailer zu "joy" anfang november im vorprogramm von "the martian" gesehen hatte, war mir gar nicht bewusst, dass david o. russell bereits wieder einen film mit seiner vermeintlichen stammbesetzung aus jennifer lawrence, robert de niro und bradley cooper am start hat. umso grösser war die überraschung; vor allem auch, weil ich ihn bis vor ein paar tagen schon wieder vergessen hatte. ein plakat am bahnhof rief mir den film dann nochmal ins gedächtnis und der gestrige feiertag gab mir zeit für kino.

es war schön, nach längerer zeit mal wieder ins central zu gehen. in das kino, in dem ich selbst dreieinhalb jahre lang vorgeführt habe und das ich so gut wie meine wohnung kenne. in gewisser weise war es das eine zeitlang ja auch.

russell ist seit "the fighter" (2010) aktiv auf meinem radar, obwohl ich bereits vorher einige seiner regiearbeiten gesehen habe – z.b. den tollen "flirting with disaster" von 1996 – allerdings ohne wirklich zu wissen, wer dahinter steckte. in den letzten fünf jahren war er so produktiv, wie in den vorherigen 16 und hat solch eindrucksvolle filme wie eben den erwähnten "the fighter" oder "silver linings playbook" auf die leinwand gebracht. "joy" steht seinen letzten drei grossen würfen in nichts nach.

zum dritten mal hat russell die weibliche hauptrolle, in diesem fall die namengebende joy, mit jennifer lawrence besetzt. und zum dritten mal ist sie für einen golden globe nominiert (die letzten beiden hat sie gewonnen; ein gutes omen für die verleihung nächste woche).

der film basiert auf der wahren geschichte joy manganos, die auf dem papier nicht sonderlich unterhaltsam daherkommt: ein ideenreiches mädchen "verkommt" zur hausfrau, endet anfang der '90er aber als erfolgreiche teleshoppingqueen und macht millionen. die story einer qvc-verkäuferin ist beileibe nichts, was man sich unter normalen bedingungen mit 08/15-schauspielern und -regisseuren freiwillig antun würde. doch die auflistung von cast & crew überzeugt. zum glück. denn "joy" ist grossartig erzählt und hervorragend gespielt.

als roter faden dient joys erfindung eines revolutionären wischmopps, den sie unter allen umständen produzieren und unter die leute bringen will. doch der mopp ist ausschliesslich mittel zum zweck, um ihre charakterentwicklung von verspieltem mädchen über verzweifelte, selbstlose junge frau hin zur hartnäckigen, souveränen und vor allem starken unternehmerin darzustellen. joy selbst ist meist aber keineswegs "full of joy". kein wunder, wenn sich ihr die ganze welt und sogar die eigene familie in den weg stellt und keinen funken hoffnung in sie hat. und dennoch kann sie sich schlussendlich durchsetzen.

die szene in einem hotel in dallas gegen ende des films, in der sie das personifizierte grösste hindernis an ihrem erfolg in form von derek markham zur rede stellt, ist eine wahre freude. genau in diesem moment wissen wir, dass sich all ihre strapazen (wortwörtlich) ausgezahlt haben.

joys fortwährender antrieb ist ihre grossmutter, die auch in den schwierigsten zeiten an sie glaubt und sie dazu anhält, nicht aufzugeben. die grossmutter ist es auch, die stellenweise den film als erzählerin begleitet. russell, der cineast, lässt sie dies allerdings aus dem jenseits tun – ein kunstgriff, der nicht sehr häufig zum einsatz kommt (wie die dazugehörige wikipediaseite beweist) und deshalb direkt auf klassiker wie billy wilders "sunset boulevard" oder sam mendes' "american beauty" verweist. aber genau solche elemente machen diesen film aus.

"joy" lebt nicht vom inhalt seiner story. überhaupt nicht. also lasst die finger davon, wenn ihr nur ins kino geht, um auf der handlungsebene unterhalten zu werden. umso stärker ist er allerdings auf der technischen seite: in seiner erzählweise (ein grosses lob geht an dieser stelle ans drehbuch), der schauspielerischen leistung (v.a. jennifer lawrences), der kamera und der unmittelbaren verortung und selbstgewählten platzeinnahme im medium selbst.

hinzu kommt, dass joy eine absolut starke frau ist (besser: "a powerful woman"), wie wir sie in der immer noch männerdominierten filmwelt leider viel zu selten zu sehen bekommen. genau darum ist die besetzung mit jennifer lawrence, die zu den jungen filmschaffenden gehört, die diese dominanz aktiv aufzubrechen versuchen, nochmals ein statement. bitte mehr davon! viel mehr!

der film empfiehlt sich somit für diejenigen, die über eine etwas magere story hinwegsehen und auch mal nur die künstlerischen aspekte eines films wertschätzen können.